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„Das Einzige, was man tun kann, ist daran zu arbeiten!“

Mit der Organisation Alliance Sud setzt sich Sara Frey für die Nachhaltigkeitsziele der UNO – die Sustainable Development Goals – ein, und kämpft so für eine gerechtere Welt ein. Ich traf sie zu einem spannenden Interview über den Einfluss der Schweiz auf die Entwicklungsländer, wo die Schweiz mit der Umsetzung der Sustainable Development Goals steht und ihre Erlebnisse am Plus-20-Gipfel in Rio de Janeiro.

Was genau ist die Alliance Sud und worin besteht deren Arbeit?

Alliance Sud ist die entwicklungspolitische Arbeitsgemeinschaft von HEKS, Helvetas, Swissaid, Brot für alle, Fastenopfer und Caritas. Dann haben wir noch vier Partner: Solidar, Terre des Hommes, Biovision und das Schweizerische Rote Kreuz. Alliance Sud wurde von … gegründet, weil sie die Entwicklungspolitik der Schweiz beeinflussen wollten. Im Auftrag dieser Entwicklungsorganisationen setzen wir uns für gerechte Beziehungen zwischen den Industriestaaten und armen Ländern des Südens ein. In den 70er Jahren verstärkte sich das Bewusstsein für die Vernetzung der Welt. Es wurde vermehrt wahrgenommen, dass die Schweizer Politik Einfluss auf ärmere Länder hat. Somit ist es sinnvoll, die Schweizer Politik so zu beeinflussen, dass diese Auswirkungen für die benachteiligten Menschen im Süden nicht negativ sind. Dem widmet sich die Abteilung Politik. Wir haben zwei Abteilungen: Zum einen Info-Dok, ein Dokumentationsservice, der alle Medienberichte dokumentiert, die entwicklungspolitisch relevant sind und eine kleine Fach-Bibliothek führt und zum andern die Politik, die zu meinem Bereich gehört.

Wie sieht deine tägliche Arbeit aus? Seid ihr in Kontakt mit Politikern und macht ihnen Vorschläge?

In unserer Abteilung gibt es sogenannte Dossierverantwortliche, die verschiedene Themen unter sich haben, z.B. das Dossier für Klima und Umwelt, das Dossier Entwicklungspolitik, das Dossier Steuer- und Finanzpolitik, das Dossier Handel- und Investitionen sowie das Dossier Unternehmen und Menschenrecht.Dann haben wir noch das Dossier Uno-Agenda 2030. Es ist aufgeteilt zwischen drei Leuten: Entwicklungspolitik, Klimapolitik und mir. Ein/e Dossierverantwortliche/r muss in der Schweiz die politischen Themen heraussuchen, die für die Entwicklungsländer wesentlich sind. Wir sind parteipolitisch ungebunden, wollen aber die Politik der Schweiz im Interesse der benachteiligten Menschen in den Ländern des globalen Südens beeinflussen.

Kannst du ein Beispiel dazu geben?

Bei der Steuer- und Finanzpolitik sind es z.B. unlautere, illegale Finanzströme mit Themen wie Korruption, Schweizer Gesetzgebung zur Geldwäscherei (z. B. Bankkonten von Diktatoren) und Steuerwettbewerb. Es ist z.B. sehr attraktiv, in der Schweiz eine Firma zu gründen und die Gewinne, die man in Entwicklungsländern macht, nicht dort, sondern hier und erst noch zu geringerem Tarif zu versteuern.

Wie versucht ihr die Politiker zu beeinflussen? Geht ihr zu ihnen hin und trägt eure Anliegen vor?

Einige von uns gehen wirklich ins Bundeshaus und sprechen mit den Politikern. In der Verwaltung werden Gesetze vorbereitet, ausgearbeitet und vorgeschlagen. Wir versuchen mit den Zuständigen in der Verwaltung zu reden, um zu wissen, was auf der Agenda steht. Wenn ein Gesetz herauskommt, gibt es zuerst eine Vernehmlassung, bei der alle Akteure während drei Monaten Stellung dazu nehmen können. Wir müssen unsere eigenen Positionen dazu erarbeiten und publizieren selber zu diesen Themen.

Wie viel könnt ihr bewirken? Wie beurteilst du euren Erfolg in dieser Hinsicht?

Schwierig zu sagen, wie viel es ist. Meinem Gefühl nach ist es nicht wenig. Die politische Realität ist davon beeinflusst wie rechts, wie links, wie offen, wie liberal die Leute gegenüber einem Thema sind oder z.B. in welchem Bereich die Prioritäten des Schweizer Aussenministers liegen. Das sind Faktoren, die auf unsere Arbeit einen grossen Einfluss haben. Zur Zeit haben wir ein eher liberales, rechts-bürgerliches Parlament, was das Erreichen unserer Ziele erschwert. Doch mein Eindruck ist, dass sich viele Politiker durch gute Argumente überzeugen lassen. Wir müssen unsere Informationen sehr gut aufbereiten und mit den Leuten reden und diskutieren.

Bei welchen Themen hat die Schweiz den grössten Einfluss auf andere Länder?

Im Finanzbereich hat die Schweiz als grosser Finanzplatz einen riesigen Einfluss. Es gibt den Financial Secrecy Index, der aufzuzeigen versucht, wie intransparent und verschleiert ein Finanzplatz gemessen an seiner Grösse ist. Die Schweiz landet hier im Gesamtindex regelmässig auf dem ersten Platz und in den Secrecy Scores, der die Grösse eines Finanzplatzes ausser acht lässt, im oberen Drittel. Dann haben wir in unserem kleinen Land grosse Konzerne, z. B. Rohstofffirmen. Hier stellt sich die Frage, inwiefern man diese multinationalen Konzerne vor Gericht ziehen kann, wenn sie Menschenrechtsverletzungen in einem anderen Land begehen. Die Konzernverantwortungsinitiative ist ein Versuch, dies zu thematisieren. Auch auf internationaler Ebene sind Verträge mit derselben Stossrichtung in Diskussion (Binding Treaty on Business and Human Rights). Je nach Perspektive sträubt man sich in der Schweiz gegen solche Bemühungen. Man befürchtet die Kosten, die die Einhaltung solcher Richtlinien nach sich ziehen oder den Schaden für unsere Volkswirtschaft, wenn Firmen deswegen abwandern könnten. Es besteht die Haltung:Warum sollte ausgerechnet die Schweiz als kleines Land hier mit dem guten Beispiel vorangehen? Bezüglich Rohstoff-Drehscheibe gibt es in Europa zwei besonders relevante Handelsplätze: London und die Schweiz. Ca. 30% des Öls, das auf dem Weltmarkt verkauft wird, wird in der Schweiz gehandelt und dieser Handel ist wenig reguliert. Der Rohstoffhandel in der Schweiz läuft sehr intransparent ab, das kann man sicher so sagen.

Wo steht die Schweiz bezüglich der „Sustainable Development Goals“ (SDG), der 17 Ziele für einen dauerhaften, gerechten Ausgleich zwischen Sozialem, Umwelt und Wirtschaft, die 2015 von 193 Staatschefs verabschiedet wurden?

Das ist schwierig zu sagen, weil es nebst den 17 Zielen noch 169 Unterziele gibt. Die SDG gehören zur UNO-Agenda 2030, sie sollen also bis 2030 erreicht werden. Alle Themen sind dabei wichtig – von Umwelt,Klimawandel bis Migration. Aus meiner Sicht könnte die Schweiz überall mehr machen. Als Beispiel sei hier das Pariser Abkommen genannt, gemäss dem die Schweiz bis 2050 etwa 60% ihrer Emissionen reduzieren sollte, was rund 3% pro Jahr wären. Beschlossen wurden jetzt aber Massnahmen, die lediglich eine Reduktion von 1% pro Jahr bringen, also nur ein Drittel davon.

Können die SDG überhaupt erreicht werden, wenn schon die Schweiz, die ja eigentlich die Mittel hätte, zu ihrem Auftrag nicht nachkommt?

Ob man an das Erreichen der SDG glaubt oder nicht, spielt meiner Meinung nach eine untergeordnete Rolle. Das Einzige, was man tun kann, ist daran zu arbeiten! Was wäre denn die Alternative? Täten wir nichts, würden wir mit Sicherheit nicht glücklicher!

Die SDG hängen alle zusammen. Doch was hat aus deiner Sicht Priorität?

Zentral finde ich nicht ein Ziel, sondern Nachhaltigkeit als Ganzes anzusehen und die daraus entstehenden Konflikte aktiv zu bearbeiten. Alles sollte nachhaltig sein: Die Wirtschaft und die Gesellschaft sollten der Umwelt nicht schaden und gleichzeitig soll es den Benachteiligten besser gehen. Hier stellen sich beispielsweise hochumstrittene Verteilungsfragen.Doch wo gibt es hierbei Widersprüche, wo liegen die Probleme? Anhand der 17 SDG-Ziele und ihrer 169
Unterziele können Probleme und Widersprüchlichkeiten aufgezeigt werden. Das konfrontiert uns mit der Frage: Was ist nun wirklich wichtig? Wo setzen wir die Prioritäten? Welche Ziele widersprechen sich? Wie können wir das jetzt aushandeln? Typisches Beispiel ist das Wachstum. Kann Wachstum überhaupt ökologisch nachhaltig sein und wenn ja wie? Was bedeutet es, wenn nein? Soziale Nachhaltigkeit ist ohne Wirtschaftswachstum nicht möglich. Die gesellschaftliche Aushandlung dieser Konflikte muss man ins Zentrum stellen und alle Betroffenen einbeziehen. Es bedeutet auch über die Schweizer Grenze hinaus und an Natur und Tierwelt unseres ganzen Planeten zu denken, die von unserem nachhaltigen Handeln betroffen sind.

Was ist das Beste an deinem Beruf bzw. was frustriert dich bei deiner Arbeit?

Seit meinem Beginn bei Alliance Sud im 2016 habe ich versucht, ganz viele Organisationen wie Gewerkschaften, NGO aus dem Umwelt- und Friedensbereich für einen gemeinsame Zusammenarbeit an dieser Agenda 2030 zu gewinnen. Im September 2017 haben wir einen Verein gegründet, der zum Beispiel versucht, darauf Einfluss zu nehmen, dass die Themen der Agenda 2030 beim Bund ein entsprechendes Gewicht erhalten. Ich finde es toll, mit so vielen Leuten zusammenzuarbeiten, die so viel wissen und die aus ganz verschiedenen Perspektiven kommen. Ich selber liebe es zu recherchieren, Sachen herauszufinden, diese zu einem Text zu verarbeiten und natürlich freue ich mich über Reaktionen auf meine Texte. Das Frustrierende ist, dass wir immer zu wenig Zeit haben für alles, was wir gerne tun
würden.

Was ist dein Werdegang und wie bist du zu diesem Job gekommen?

Ich studierte Umweltwissenschaften und Soziologie und machte meinen Master in Developement Studies mit Fokus auf Nachhaltige Entwicklung in Genf. Danach folgte ein Praktikumsjahr bei der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) bei der Abteilung Analyse und Politik. Dort bearbeitete ich ähnliche Themen wie bei Alliance Sud, aber halt vom Bund und nicht von einer unabhängigen NGO aus. Derzeit doktoriere ich im Centre for Developement and Environment in Bern und arbeite parallel bei Alliance Sud und der Plattform Agenda 2030.

Was hat dich gereizt, diese Studienfächer zu wählen?

Ich bin mit einem sehr starken Gerechtigkeitsgefühl aufgewachsen. Gleichzeitig bin ich mit der eigenen Privilegien sehr bewusst und stark geprägt von meinem Elternhaus, wo diese Themen immer wichtig waren.

Bist du für deine Arbeit auch schon gereist?

Ich bin häufig gereist vor allem im Zusammenhang mit Studium und Forschung, z.B. nach Rio Plus 20-Gipfel zur Nachhaltigkeit. Für eine kleine NGO war ich drei Monate in Indien. In den letzten drei Jahren reiste ich nach Bolivien, Costa Rica, USA und Kanada für meine Doktorarbeit (Thema Unternehmen,Menschenrecht und Umwelt), an der ich noch schreibe. Bei Alliance Süd arbeite ich Teilzeit.

Wie war das beim Gipfel in Rio?

Sehr spannend! Ich war dort mit UNRISD (United Nation Research Institut for Social Development). Man muss sich das bei solchen Verhandlungen vereinfacht so vorstellen, dass es um einen riesig langen Text geht, bei dem die Leute miteinander praktisch Wort für Wort aushandeln, was dort drin stehen soll bzw. was nicht rein darf. Natürlich haben auch hier die Länder wieder unterschiedliche Interessen und Macht, z.B. wie viel Personal sie dafür stellen können. Gehen die Verhandlungen bis in die Nacht hinein, ist die Grösse der Delegation relevant! Parallel dazu fand ein Alternativ-Gipfel statt, bei dem ich Interviews mit Leuten führen konnte, z.B. mit Bauern aus Peru, die ihre Probleme schilderten oder die Landlosen-Bewegung in Brasilien. Das sind Bauern ohne eigenes Land, Tagelöhner oder Pächter oder Leute, denen das Land weggenommen wurde.

Was hat dich an deiner Erfahrung in Rio am meisten beeindruckt?

Es war gar nicht der Gipfel selber, sondern die Zeit, die ich danach noch in Brasilien blieb. Dort erlebte ich Dinge, die auf einem ganz anderen Level sind als Verhandlungen, obwohl die natürlich höchst spannend waren. Beispielsweise bekam ich Landenteignungen aus nächster Nähe mit, als das Land von einer kleinen NGO plötzlich von einer Firma beansprucht wurde. Das Haus wurde zerstört und bewaffnete Menschen waren vor Ort, die mit der Polizei verbandelt waren. Durch solche Ereignisse wurde mir klar, weshalb dort das Gefühl vorherrschte, niemandem trauen zu können. Denn selbst die Polizei schien korrupt, eine Sache, die für uns schwer vorstellbar ist. Das ganze Umfeld war sehr prägend, beispielsweise dass man an gewissen Orten nachts nicht alleine herumlaufen kann, weil es zu gefährlich ist. All diese Erfahrungen haben mich aus meiner heilen Schweizer Welt in eine andere Realität geholt.

Sara Frey, vielen Dank für das Gespräch!

  • Ich (17) bin seit August 2018 Co-Chefredaktorin und seit März 2019 Präsidentin des Verein Cerisier. Wenn ich nicht gerade in die Tasten meines Laptops haue, steppe ich, singe im Chor und bin immer für eine Diskussion zu haben. In Zukunft wäre ich gerne Menschenrechtsanwältin, Filmregisseurin, NGO-Aktivistin oder Historikerin - gern auch alles zusammen. Doch zunächst steht die Matur im Gymnasium Bäumlihof auf der Liste.

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