Die wahrnehmbare Überdosis

Klimakommunikation hat uns abgestumpft.

Die wahrnehmbare Überdosis, die es braucht

Das Bild des abgemagerten Eisbären, der einsam auf einer unaufhaltsam schmelzenden Eisscholle sitzt; die Studie, die aufzeigt, dass die globale Durchschnittstemperatur bis im Jahr 2100 um bis zu vier Grad Celsius ansteigen könnte; der Selbsttest des WWFs, der uns analysiert und zeigt, wie unser Verhalten zu diesen Prozessen beiträgt – nichts davon kann uns derart aufrütteln, als dass wir alles stehen und liegen lassen würden, um etwas zu verändern.. Wir sind über die Jahre abgestumpft.

Wir haben es gehört, gelesen und immer mehr spüren wir die Klimaveränderungen auch, doch wir Menschen haben unser Verhalten noch nicht angepasst. Wir fliegen, essen Fleisch und konsumieren und konsumieren und konsumieren.

Warum tun wir uns nur so unglaublich schwer mit diesem Thema?

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Im Alltag hängen Aktion und Reaktion eng zusammen, sowohl zeitlich wie auch geografisch. Ursache und Folge sind einfach ersichtlich: Wer die heisse Herdplatte berührt, der verbrennt sich an ihr.
Beim Klima gilt dieses Prinzip nicht. Überspitzt gesagt: Wer die Herdplatte berührt, der hat einige Jahrzehnte später hunderttausende Klimaflüchtlinge an den Grenzen und der Meeresspiegel steigt.

Unsere Intuition ist damit überfordert. Sie kann uns nicht helfen, denn sie ist noch immer in einer vergangenen Welt gefangen, in welcher der Mensch in Gruppen von maximal 150 Individuen lebt. Komplexe Zusammenhänge wie diese sind in einem Kampf mit einem Bären nicht hilfreich. Die Intuition denkt bloss an die Folgen, die uns augenblicklich betreffen. Während dem Flug auf die Malediven machen wir uns Sorgen, ob das Flugzeug sicher landen wird – die Angst, dass sich die Landmasse, auf der das Flugzeug landen sollte, sich unter, statt über dem Meeresspiegel befindet, liegt uns ähnlich fern, wie der Gedanke, dass unser Verhalten genau dies zur Folge haben wird.

Die Folgen des Klimawandels finden weder zur gleichen Zeit noch am gleichen Ort statt, wo sie ausgelöst wurden.

Die Wahrnehmung der Ursachen wird jedoch durch zwei wichtige Faktoren zusätzlich erschwert.  Zum einen durch die Unsichtbarkeit: Die Treibhausgase sind nicht russig schwarz, sie stinken nicht und machen nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam. Im Alltag unsichtbar werden sie ausgestossen. Der Klimawandel wird erst durch seine Folgen sichtbar, doch was diese ausgelöst hat, bleibt unsichtbar. Zum anderen kommt es zum Zuschauereffekt. So wie es in einer Grossstadt länger dauert, bis ein Brand gemeldet wird, weil alle denken, es kümmere sich jemand anderes darum, fehlt auch bei der drohenden Klimakatastrophe das notwendige Verantwortungsgefühl, das nötig wäre, um den ersten Schritt zu einer dekarbonisierten Welt zu machen. Der Täter ist der Richter und alle sind Täter.

Ein Hoch auf die Hitze

Wir begreifen den Klimawandel nicht, weil wir ihn nicht anfassen, riechen, sehen oder fühlen können – zumindest bis jetzt.

Erst als diesen Sommer viele Menschen unter der ungewöhnlich starken Hitze litten, schien es so, als würden wir endlich beginnen, das Problem ernst zu nehmen. Der Klimawandel wird wahrnehmbar, wir fühlen die Veränderung – das ist die Sprache, die unser Gehirn versteht!

Das Haus brennt.

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

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