Flucht. Verlassen von Vertrautem. Unfreiwillige Ungewissheit. Angst. Neuanfang.
Dies ist die Realität von 68.5 Millionen Menschen weltweit. Dies war die Realität von Ava*. Als Zwölfjährige musste sie aus politischen Gründen aus dem Iran in die Schweiz flüchten. Sie hat sich Zeit genommen, ihre bewegende Geschichte mit uns zu teilen.

Februar im Jahre 2000.
Einen letzten Blick kann Ava auf ihr Haus erhaschen, das nicht mehr ihr Haus ist. Ihre Mutter hat es soeben verkauft. Das Geld ist für die Schlepper, und sie verlangen viel. Deshalb mussten sie das Haus verschachern, aber so schnell würden sie es auch nicht mehr sehen. Denn sie müssen weg. Weg aus dem Iran, weg von allen Freunden, weg von aller Sicherheit. Flucht. Das Wort fühlt sich fremd an.

Avas Vater war Basij-Soldat, er kämpfte im Iran-Irak-Krieg. Die Basij ist eine Miliz der islamischen Revolutionsgarde des Iran. Einmal Mitglied, immer Mitglied. Wer gehen will, kriegt Probleme. So auch Avas Vater. Er hat den Iran bereits verlassen. Geplant ist, dass die Familie erst nachkommt, wenn er in England ist, dem Fluchtziel. Doch dann kommt alles anders: Der Druck von den Basij auf die Familie steigt, Ava, ihre Mutter und ihre siebenjährige Schwester müssen überstürzt fliehen, ohne weder zu wissen, wo der Vater ist und wie es ihm geht, noch wohin sie ihre eigene Flucht führen wird.

Im Flugzeug geht es vom Iran in die Türkei, von da aus ebenfalls mit dem Flugzeug nach Serbien. Dort werden sie von einem Schlepper mit dem Auto abgeholt. Es folgt eine schier endlose Fahrt im hinteren Teil des Wagens, wo Ava mit ihrer Schwester, Mutter und einer anderen Frau unter einem Tuch abgedeckt liegen bleiben muss und sich auf keinen Fall bewegen darf. „Ich habe keine Erinnerung mehr, wie lange es dauerte. Ich hatte mein Zeitgefühl völlig verloren.“ Die gleichaltrige Tochter der Frau hat Glück: Sie darf vorne auf dem Beifahrersitz sitzen, weil ein Kind eine gute Tarnung ist.
Endlich hält der Wagen an. Mit wackeligen Beinen steigen sie aus. Vor ihnen ragt ein riesiges herrschaftliches Haus in den Nachthimmel, völlig heruntergekommen, mitten in den dunklen Wäldern Ex-Jugoslawiens. Was in der Phantasie von Ava wie das Schloss der bösen Königin aus einem Disney-Film wirkt, ist der Treffpunkt der Schlepperbande. Von dort aus werden Grüppchen von 10 Personen losgeschickt, auf die heftigste Etappe zu: die Überquerung des Medvednica, des Zagreb-Gebirges.

Der Marsch beginnt: Die Gruppe, bestehend aus ungefähr 10 Männern und Frauen, Kindern, Alten und Jungen muss sich im Gänsemarsch aufreihen und hinter dem Schlepper herlaufen. Wehe, einer überholt. Denn das Gebirge ist ein reines Minenfeld – ein Überbleibsel aus dem Jugoslawienkrieg. Ein falscher Schritt und man würde in tausend Stücke gerissen. Einige erleiden dieses grässliche Schicksal. Ihre Überreste werden zurückgelassen. Kein Mucks darf gemacht werden, der Schlepper kommuniziert durch Zischen mit der Gruppe. Erst nach seinem Zeichen darf man weitergehen. Weinende Kinder, die ein Risiko für die Gruppe darstellen, werden gnadenlos erschossen.

Schon etliche Stunden sind sie unterwegs, Ava hat Durst, sie muss Schnee essen. Es ist bitterkalt, sie sinkt knietief in den Schnee ein, immer wieder rutscht sie auf dem Berg ab. Schon wieder zwanzig Meter Rückstand. Die Umrisse der anderen entfernen sich immer weiter. Tränen vernebeln ihr Gesicht, ihre Mutter schluchzt ebenfalls, doch nimmt sie an der Hand. Sie müssen weiter. Einfach weiter. Wer den Anschluss verliert, ist verloren. Gewartet wird nicht. Das Leben zählt auf diesem einsamen Berg überhaupt nichts. Schon gar nicht für die Schlepper. Doch für Ava zählt das Leben. Sie will leben. Noch ein Schritt. Und noch einer. Einfach weiter. Ihr ganzer Körper brennt vor Kälte, doch sie geht weiter. Woher nimmt sie diese Kraft? „Wenn du musst, stellt dein Körper auf Autopilot, es geht nur noch um den Überlebensinstinkt. Plötzlich kommt diese Kraft aus dem Bauch raus, von der du nicht wusstest, dass du sie hast. Doch wenn es vorbei ist, bist du wieder der gleiche Schwächling wie zuvor.“

Sie sind den Schleppern völlig ausgeliefert. In einer Pause weist einer von ihnen auf Avas Mutter und bellt: ´Wem gehört diese Frau?´ Allen ist klar: Wenn sich niemand meldet, wird er sie vergewaltigen. Ein ihnen bislang unbekannter Mann – er ist dreissig, doch er kommt Ava uralt vor – erhebt die Stimme: ‚Das ist meine Frau.‘ Der Schlepper zeigt unwirsch auf Ava. ‚Dann ist das also auch dein Kind.‘ ‚Ja.‘ ‚Und was ist mit der Frau?‘ ‚Das ist ebenfalls meine Frau.‘ ‚Dann sind das auch deine Kinder?‘ ‚Ja.‘ Den restlichen Weg trägt er Avas siebenjährige asthmatische Schwester auf den Schultern.

Irgendwann erreichen sie einen Strassenrand – Ava hatte es gar nicht mehr für möglich gehalten, dass es so etwas wie Strassen gibt – und kommen zu einem Bauernhof. Erschöpft sinkt Ava ins Stroh. Neben ihr schnauft langsam und tief eine Kuh. Sie spürt ihre Wärme, spürt ihre Lebendigkeit – welcher Kontrast zum Tag des Todes.

Das Gebirge haben sie überwunden, doch ein noch viel grösseres Hindernis steht noch bevor: Der Fluss Save, dessen Fluten schon zahlreiche Menschen in den Tod gerissen haben. Und sie müssen ihn durchwaten. Wie ein Monster lauert das bevorstehende Hindernis in ihren Köpfen und sie wissen: Es führt kein Weg daran vorbei.
Nun stehen sie dem Szenario ihrer Albträume gegenüber. Ungefähr 50 Meter trennen sie von der Zukunft. 50 Meter tosendes und zischendes Wasser. Die Männer tragen die Kinder auf den Schultern, jemand hält ihre Mutter bei der Hand, damit die Strömung sie nicht davon treibt. Völlig durchnässt und durchgefroren kommen sie auf der anderen Seite an. Aber sie haben es geschafft!

Nur kurz können sie sich am Feuer etwas aufwärmen, dann müssen sie schon weiter. „Eigentlich war es wie eine Nachtwanderung im Wald – abgesehen davon, dass man jederzeit auf eine Mine hätte treten können.“ Es gibt zwar Wege aus Kieseln und Laub, aber woher sollte man wissen, was sich darunter befindet? Endlich erreichen sie eine asphaltierte Strasse, wo ein Auto sie abholt.

Ein Busbahnhof irgendwo an der slowenischen Grenze: Nur ein zweieinhalb Meter hohes Gitter trennt die Gruppe noch von Italien. Einer nach dem anderen klettert hoch, doch jemand beobachtet sie dabei. Als der letzte hinunterspringt, ist die Polizei schon da. Die Flüchtlinge werden zum Polizeiposten gebracht. Die Angst ist gross. Was passiert nun mit uns? Was sind unsere Rechte? Sie wissen es nicht, niemand spricht Englisch; Italienisch schon gar nicht. Die Frauen und Kinder werden für die Nacht in ein Kloster gebracht. Ava sieht zum ersten Mal Nonnen. Sie sehen seltsam aus mit ihrem Schleier. „Wir waren auf unserer Flucht in fast jedem Land empfangen worden, doch nirgendwo waren die Menschen so freundlich, so gütig wie in Italien.“ Erstmals in ihrem Leben essen sie Penne mit Tomatensauce. Sie schlafen in einem eigenen Zimmer mit einem echten Bett und elektrischem Licht. Die Kinder dürfen sich sogar je ein Püppchen aussuchen. Ava wählt ein Äffchen an einer Schnur. „Leider ging es auf der weiteren Reise irgendwann verloren, doch in diesem Moment gab es mir viel Kraft.“

Am nächsten Tag dürfen sie weiterreisen – die Polizei interessiert sich nur für die Schlepper. Mit dem Zug reisen sie in die Schweiz, doch der junge Mann, der sie vor den Schleppern gerettet hatte, verpasst die Abfahrt. Sie können ihn nur noch auf dem Gleis stehen sehen. „Das war einer der schlimmsten Momente meines Lebens. Ich nannte ihn bereits Onkel und dachte, wir würden als Familie zusammenleben.“ Glücklicherweise kann der Mann nachreisen.

In Basel angekommen sollen sie sich unten an einen Lastwagen klammern, um weiterzureisen. Absolut unmöglich mit Kindern. Die Mutter streikt. Es gäbe wohl noch eine andere Gelegenheit, um weiterzureisen. Mit dem letzten Geld wählt sie am Münztelefon die Nummer der Verwandten im Iran. Es stellt sich heraus, dass die Schlepper aufgeflogen seien und sie nun in Basel festsässen. Dasselbe sei mit den Schleppern ihres Vaters passiert, der sich eigentlich in Frankreich befinden sollte. Eigentlich. Denn er ist wieder über die Schweizer Grenze zurückgeschickt worden und befindet sich in Basel! Ihr Vater befindet sich auch in Basel! „Welch unglaublicher Zufall. Es ist wohl wahrscheinlicher, im Lotto zu gewinnen.“ Als sie versuchen, mit der Schweizer Polizei Kontakt aufzunehmen, um ihre Lage zu erklären, werden sie einfach ignoriert. „Sie haben uns einfach angeschaut und sind mit ihren Autos davongefahren ohne anzuhalten – und das zwei/dreimal.“ Also holt ihr Vater sie kurzerhand ab, bei der 8er-Tramhaltestelle am Bahnhof. „Das weiss ich noch heute. Damals sah der Bahnhof noch ein bisschen anders aus. Es war einer der schönsten Momente meines Lebens.“

Die Nacht verbringen sie im Männerwohnheim, wo der Vater seit einigen Tagen wohnt. Am nächsten Tag melden sie sich beim Chef, der sie ins Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel an der Grenze zu Otterbach schickt. In einer riesigen Halle befinden sich ungefähr 50 Leute, jede Familie bekommt ein Doppelhochbett, welches sie mit Tüchern abdecken, um etwas Privatsphäre zu erlangen. Man darf kein Essen mit in den Raum nehmen. Wer einen Apfel will, muss WCs putzen, um einen Fünfliber zu verdienen, muss man Tische putzen. Man muss ständig darauf gefasst sein, dass sie den Raum mit Hunden durchsuchen, dreimal am Tag werden die Personen kontrolliert. Die Spielsachen des einzigen Spielzimmers sind kaputt. „Man muss es sich ein bisschen wie ein Gefängnis vorstellen.“ Das Heim ist mittlerweile renoviert worden.

Doch zunächst kommen sie in Quarantäne: Interviews mit mehreren Personen, immer wieder die Lebensgeschichte erzählen, vier-fünfmal hintereinander. Hinterher wird geprüft, ob es Unstimmigkeiten zwischen den Versionen gibt. Ob die Geschichte tatsächlich wahr ist. Ob man es ‚tatsächlich‘ verdient, hier zu bleiben. 7 Jahre sollte es dauern – bis 2007 – bis diese Frage beantwortet ist und die Familie die Aufenthaltsbewilligung bekommt. 7 Jahre, in denen sie nicht die Schweiz verlassen dürfen. 7 Jahre zittern sie, ob sie nun nicht doch zurückmüssen. Heute sei dies alles anders, es gälten viel klarere Richtlinien und vor allem ziehe sich der Prozess nicht mehr so in die Länge. Heutzutage seien die Flüchtlinge auch via Internet viel besser informiert als zu ihrer Zeit; die meisten wüssten, wo sie hinwollen und welche Rechte und Bedingungen sie im Zielland erwarten. Auch auf der Flucht können viele durch Handys in Kontakt mit ihren Verwandten bleiben. „Wir waren völlig abhängig von den Schleppern.“

Auf die Frage, was die flüchtlingsfeindliche Haltung von Trump und anderen Politikern in ihr auslöst, lacht Ava: „Diese Aussage mit der Mauer ist ein Witz, und das weiss er genauso gut wie wir. Aber damit kann man Menschen, die Angst haben, sehr gut um den Finger wickeln.“
Die Migration muss man differenzierter angehen: „Man muss immer beide Seiten der Medaille anschauen.“ Da sind zum einen die Flüchtlinge, die Schreckliches erlebt haben und Schutz brauchen. „Keiner ist bereit, einen solchen Weg auf sich zu nehmen, wenn er nicht wirklich darauf angewiesen ist.“ Andererseits ist da auch der Staat, der nicht unbegrenzt Menschen aufnehmen kann und dessen Pflicht neben dem Schutz von Flüchtlingen auch der Schutz der eigenen Bürger und deren Sicherheit ist. Ava verstehe die Leute, die fordern, dass Flüchtlinge sich anpassen sollen, die Sprache lernen sollen und sich nicht genau gleich verhalten sollen wie im Heimatland. „Wenn man den Entscheid trifft, sein eigenes Land zu verlassen, muss man offen sein und sich der Kultur des Ziellandes anpassen.“ In der Evolution musste sich der Mensch schliesslich auch den Gegebenheiten anpassen, sonst wäre sein Untergang vorprogrammiert gewesen.

Schwierig wird es natürlich, wenn Leute einwandern, die aus einer anderen Kultur kommen und plötzlich mit Werten der westlichen Kultur wie Frauenemanzipation und Mitspracherecht für alle konfrontiert sind. „Da braucht es natürlich Zeit, dass man sich daran gewöhnt, und es passieren Fehler.“ Es gelte, den psychologischen Hintergrund zu verstehen, die Menschen nicht sofort zu verurteilen und vor allem nicht alle in einen Topf zu werfen. Eben, die verschiedenen Seiten der Medaille betrachten. Dennoch sei es wichtig, klare Grenzen zu ziehen und dann auch konsequent zu bleiben. „Gibt es keine Konsequenzen, verändern wir uns nicht – so funktionieren wir Menschen nun einmal.“

Eine einfache Lösung gibt es also für dieses komplexe Thema nicht. „Doch wenn wir den Leuten – Einwanderern und Einheimischen – Gehör verschaffen, die verschiedenen Seiten der Medaille betrachten und ohne Vorurteile Entscheidungen treffen, dann haben wir unser Bestes versucht, und mehr kann man nicht tun.“

Leider folgen die Kinder in Avas Schule nicht diesem offenen Prinzip: Da Ava noch kein Deutsch spricht, will niemand mit ihr die Gruppenarbeiten machen, da man von ihr keine Hilfe erwarten kann. Im Sport wird sie immer zuletzt ins Team gewählt. Die anderen fragen sie Dinge wie ‚Bisch du blöd?‘ und sie antwortet immer ‚Ich weiss’, da sie nicht zugeben will, dass sie sie nicht versteht. „Das klingt heute lustig, doch damals war es eine furchtbare Verletzung.“ Ava wünscht sich genauso schöne Kleider, Rucksäcke und Stabilos wie die anderen, aber das ist nur ein Traum für Flüchtlinge ohne Aufenthaltsbewilligung, die nur das Existenzminimum erhalten. Die anderen lachen sie wegen ihrer Kleidung aus. Sagen, dass sie stinke. Einmal giesst ihr ein Mädchen eine halbe Parfümflasche über dem Kopf aus. Ob die Kinder auch so gemein wären, wenn sie Avas Geschichte kennen würden? Doch woher sollten sie es auch wissen? Wie sollte sie es ihnen denn erklären?

Ob sie mehr Hilfe erwartet hätte? „Nein, ich habe nie irgendetwas erwartet. Nun – vielleicht von meinen Schulkollegen hätte etwas mehr Unterstützung und Verständnis kommen können. Das ist auch meine Motivation, weshalb ich dieses Interview führe – damit Schüler auch ein Verständnis dafür entwickeln. Doch ich möchte nicht undankbar klingen. Wir sind auf der Flucht und in der Schweiz unglaublichen Menschen begegnet, die uns geholfen haben. Das sind wahre Alltagshelden – man sieht sie nicht und erwähnt sie nicht. Man redet immer nur vom Schlechten, doch ich finde das falsch. Wir sollten dem Guten mehr Gewicht geben. Denn das Gute darf man nicht voraussetzen.“

Ava lernt perfekt Deutsch und Schweizerdeutsch, schliesst Schule und Ausbildung erfolgreich ab, erwirbt den Schweizer Pass, arbeitet heute – fast 19 Jahre nach der Flucht – in einer angesehenen Firma und lebt mit ihrer Familie im Kanton Basel-Stadt

  • Ich (17) bin seit August 2018 Co-Chefredaktorin und seit März 2019 Präsidentin des Verein Cerisier. Wenn ich nicht gerade in die Tasten meines Laptops haue, steppe ich, singe im Chor und bin immer für eine Diskussion zu haben. In Zukunft wäre ich gerne Menschenrechtsanwältin, Filmregisseurin, NGO-Aktivistin oder Historikerin - gern auch alles zusammen. Doch zunächst steht die Matur im Gymnasium Bäumlihof auf der Liste.

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