Netflix-Theater im Hotel Strindberg

Aenne Schwarz, Martin Wuttke, Max Rothbart, Franziska Hackl, Statisterie, Simon Zagermann, Statisterie, Barbara Horvath (©Sandra Then)

Nach einem Jahr Wartezeit hatte das neue Stück von Erfolgsregisseur Simon Stone, Hotel Strindberg, welches letztes Jahr im Akademietheater in Wien gespielt und hochgelobt wurde, nun endlich auch in Basel Premiere. Es ist definitiv eine der aufwändigsten Produktionen dieser Saison, schon allein durch das Bühnenbild. Ein riesiges, dreistöckiges Hotel erwartet das Publikum, jedes der sechs Zimmer einzeln ausgestattet und gestaltet.

Simon Stone, der dem Basler Publikum unter anderen mit Drei Schwestern und John Gabriel Borkman in bester Erinnerung ist, hat sich erneut einen der grossen Namen der Theatergeschichte vorgenommen und umgeschrieben. Dieses Mal ist es der schwedische Autor August Strindberg, der als Frauenfeind verschrien ist. Simon Stone nimmt sich mehrere Werke vor, unter anderen die Gespenstersonate, und verwandelt diese in eine zeitgenössische Kritik an Familie und an Rollenbildern.

Einen Abend lang schaut man auf das Hotel, welches in seiner Zeit und Ort variabel ist, und sieht Familien zugrunde gehen. Man fühlt sich durch die Glaswand zum Voyeur verkommen. Leider lässt diese Glaswand auch einige Textstellen des mit Mikroports ausgestatteten Ensembles unverständlich werden. Etwas störend ist dabei die ständige, einlullende Musik, die Simon Stone von wechselnden Schauspielerinnen und Schauspielern im hoteleigenen Bandraum spielen lässt.

Man blickt im schnellen Wechsel von der einen Beziehungskrise zur nächsten und wird dabei Zeuge gescheiterte Paaren. Das gelingt Simon Stone mit immer wieder lustigen und tragikomischen Textpassagen. Beispielsweise als Caroline Peters, für diese Rolle mit dem renommierten Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet, ausruft: „Ihr denkt wohl, Ihr seid cool. Aber Ihr seid einfach nur jung!“. Oder Martin Wuttke: „Monopoly ist geisteskranker und kapitalistischer Schwachsinn!“. Die bombastische Wirkung des künstlerischen Handwerks der Schauspielerinnen und Schauspielern entfaltet sich immer weiter, je tiefer der Abend in den Beziehungsdschungel abtaucht.

Als am Schluss das Innenleben des Hotels abgebaut ist, stehen Michael Wächter und Martin Wuttke in den leeren Räumen und sehen ziemlich verloren aus, während die ehemaligen Partnerinnen erfolgreich im Leben stehen. Die späte Vergeltung an Strindbergs Misogynie? Sinnbildlich für eine Veränderung der Rollenbilder? Leider fehlt jedoch der Blick auf gleichgeschlechtliche Beziehungen.

Bis auf diese Frage hinterlässt der knapp vierstündige Abend das Publikum weniger nachdenklich als bestens unterhalten. Er dient als Momentaufnahme zerrütteter Familien wie in besten Netflix-Serien. Aber auch das darf Theater sein.

  • Ich leite seit Anfang 2019 den Kulturteil bei Quint, bin Initiator von intrige.ch, dem Magazin für junges Theater und führe unter juliuseofintelmann.com einen eigenen Blog. Man trifft mich für gewöhnlich auf Probebühnen oder im (Theater-) Publikum an.

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