Warum Schultheater so wichtig sind – Interview mit Salome Im Hof

Fast alle Gymnasiastinnen und Gymnasiasten stehen vor der Wahl; Shakespeare? Dürrenmatt? Oder doch lieber Brecht? Die Frage nach dem perfekten Theaterstück für das Schultheater wird jedes Jahr aufs Neue von Schülerinnen und Schülern beantwortet. Vielleicht kommt Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht bei raus. Oder Ein Sommernachtstraum von William Shakespeare. Oder exotischere Stücke wie Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten von Peter Handke. Dieses Stück wird dann eventuell verändert, hoffentlich gut einstudiert und auf jeden Fall viel geprobt. Unter Leitung einer Regisseurin oder eines Regisseurs kommt am Ende eine Aufführung, die allen Mitwirkenden eindrücklich in Erinnerung bleiben wird, zustande.

Einigen Mitwirkenden mag vielleicht der erste Gedanke sein; warum muss so etwas sein? Es kostet viel Geld, Zeit und vor allem Nerven. Doch eine solche Produktion hat wesentliche positive Aspekte. Durch die gemeinsame Probenzeit wird der Klassen- und Teamgeist enorm gestärkt, gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse geschaffen und viele spezielle Beziehungen entstehen. Auch der einbeziehende Aspekt ist stark, denn es wird schliesslich jede und jeder gefordert und auch diejenigen, welche normalerweise nicht so sehr im Vordergrund stehen, haben die Möglichkeit, sich selbst zu präsentieren und ihr Können zur Schau zu stellen. Das Verwandeln in eine andere Persönlichkeit bewirkt ein Wachstum des Selbstvertrauens. Im besten Fall wird dieses Gefühl auf die eigene Person abseits der Bühne übertragen.

Auch das Erleben einer Stückentwicklung, das eigene Mitwirken an derselben und das neue Kennenlernen des eigenen Körpers und der eigenen Fähigkeiten, ist für viele ein einzigartiges Erlebnis.

Interview mit Salome Im Hof

Die Regisseurin Salome Im Hof arbeitet neben ihrer Tätigkeit als künstlerische Leiterin der Jungen Oper am Theater Basel, viel und regelmässig mit Schulklassen in Basel und ausserhalb. Ich habe sie um ihre Meinung zu der Frage gebeten.

Julius E. O. Fintelmann: Was findest Du am Schultheater wichtig? Und warum?

Salome Im Hof: Im Idealfall ist die ganze Klasse in das Theaterprojekt verwickelt, jeder und jede mit seinen und ihren spezifischen Fähigkeiten.

Die Klasse spannt zusammen, es geht ja darum, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Die Klasse steht im Zentrum, ist sozusagen Hauptperson. Neben dem Schauspiel fallen etliche andere Dinge an: Sponsorensuche, Gestaltung des Programmheftes, Kostüme, Requisiten, Bühnenbild, Werbung in der Schule und auf Social Media undundund. Bis hin zur Organisation der After Party (so ein doofes Wort). Das ganze Paket schweisst die Klasse zusammen, man diskutiert, organisiert, streitet, manchmal fliegen die Fetzen heftig… und dann werden Lösungen gefunden.

Die Fetzen fliegen natürlich auch auf der Bühne. In der Schauspielarbeit geht es darum, sich selbst kennenzulernen, in sich reinzuhören und aus sich rauszugehen. Das sind oft neue Erfahrungen, sowohl auf körperlicher, stimmlicher und geistiger Ebene. Das soll nicht abgehoben klingen, das ist einfach Handwerk!

Dazu kommt das Zusammenspiel, das ist wie ein spannender Pingpongmatch: hören, sehen, fühlen, agieren und reagieren und zwar IM Moment. Weder davor noch danach.

Es gibt zu Beginn Störfaktoren, die es nach und nach abzubauen gilt, damit Körper und Fantasie möglichst einfach zusammenspannen können.

Das sind alles wertvolle Erfahrungen sowohl für die Einzelnen als auch die Gruppe. Die nebenbei auch im „real life“ immer wieder mal zum Tragen kommen!

JF: Findest Du, dass jede Klasse ein Theaterstück auf die Bühne bringen sollte?

SI: Verschreiben lässt sich ein Theaterstück natürlich nicht, empfehlen würde ich es den Klassen schon. Es ist noch einmal ein ganz neues Kennenlernen zwischen Schülerinnen und Schülern, was meistens nicht im Nebeneinandersitzen stattfindet. Das gemeinsame Machen setzt viele Energien frei, der eigene Körper ist das Instrument, auf dem gespielt wird. Da gibt es kein Ausweichen, das geht an die Substanz.

Wenn es in Richtung Aufführung geht, ist die Konzentration deutlich spürbar. Es wird immer mehr an einem Strick gezogen. Die Tage während der Aufführungen sind emotionaler Ausnahmezustand. Und nach den Aufführungen ist da die Bestätigung: von anderen Klassen, von Lehrpersonen, von Freunden und Verwandten. Das freut und macht auch stolz.

Die Klasse sei, das wurde mir immer wieder gesagt, eine andere danach als davor. Das ist schon cool!

JF: Warum hast Du Dich für Jugendtheater entschieden und arbeitest nicht mit Profis zusammen?

SI: Als Regisseurin habe ich nur selten mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern zusammengearbeitet. Ich bin mit Jugendtheater überhaupt zur Regie gekommen. Für mich als damals fast Gleichaltrige war das eine wunderbare Möglichkeit zu experimentieren, Regie by doing zu lernen. Die Klassen und ich hatten viel Spass zusammen, das heisst eigentlich, die Klassen haben jeden Blödsinn mitgemacht. Ich weiss nicht, ob das mit Profis gegangen wäre. Wir hatten ja alle keine Ahnung – ich selbst kam von der Musik rüber – aber irgendwie kamen immer ganz lustige Aufführungen auf die Bühne. Danach Schneeballeffekt.

Um auf die Frage zurückzukommen. Die Frage stellt sich selten. Ich bin viel vertrauter mit dem Weg der Laien bis zu einer Aufführung. Profis haben eine mehrjährige Ausbildung in Schauspiel, das sind ganz andere Voraussetzungen, von denen ausgegangen wird bei einer Produktion. (Würde mich aber zwischendurch auch reizen.)

JF: Was hast Du für Tipps an diejenigen, die kurz vor der Aufführung stehen?

SI: Ich mache vor Aufführungen immer ein gemeinsames Einwärmen. Da geht es darum, Kontakt mit dem Boden zu haben, das heisst für den Körper volle Konzentration. Bei sich zu sein und gleichzeitig abheben zu können. Das ist schlussendlich eine Mischung aus wach, offen, durchlässig und crazy.

Tipp? Hm. Keine klebrigen Caramelltäfeli essen.

  • Ich leite seit Anfang 2019 den Kulturteil bei Quint und führe unter juliuseofintelmann.com einen eigenen Blog. Ansonsten trifft man mich für gewöhnlich auf Probebühnen oder im (Theater-) Publikum an. Ich strebe ein Studium der Theaterdramaturgie und der Politologie an.

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