Fake News – wie schlimm ist es wirklich?

Als am 11. September 2001 mehrere Flugzeuge von Al-Qaida-Terroristen entführt wurden und in die Türme des World Trade Centers New York und in das Pentagon rasten, war die Welt in Schockstarre. Schliesslich forderten die Anschläge insgesamt über 3000 Tote und unzählige weitere Verletzte. Die Anschläge werden nicht Thema dieses Artikels sein, aber sie bieten ein gutes Beispiel. Denn schon kurz nach den Attacken kamen Zweifel an der Echtheit auf. Es wurde vermutet, dass die Türme niemals durch das Feuer und die Flugzeugcrashes alleine hätten einstürzen können, denn so schnell ist noch kein anderes vergleichbares Gebäude eingestürzt – ausser durch gezielte Sprengungen. So wurde diese These auch bei den Anschlägen vom 11. September aufgestellt. Mittlerweile fokussiert sich das sogenannte Truth Movement jedoch auf den Einsturz des WTC-7 Turmes, da dieser nicht von den Flugzeugen getroffen worden ist und rund 100 Meter entfernt von den getroffenen Türmen stand. Innerhalb der Theorien gibt es jedoch auch verschiedene Versionen. Die noch am als wissenschaftlichsten geltende ist die, dass die US-Regierung von den Anschlägen wusste, sie aber dennoch geschehen liess, um den darauffolgenden Kriege in Afghanistan und dem Irak zu rechtfertigen. Diese Variante ist etwas abgeschwächt von der, dass die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben hatte. Dann gibt es noch die sogenannte „No-Plane“-Theorie, die besagt, dass es gar keine Flugzeuge gab und alle Videobeweise und Zeugenaussagen von den USA gefälscht und inszeniert seien. Trotz zahlreicher wissenschaftlicher Studien und Untersuchungen zu dem Thema, die die Theorien widerlegen, glauben selbst in der Schweiz noch knapp ein Viertel der Befragten, dass die Einstürze am 11. September durch gezielte Sprengungen geschehen sind (Umfrage im Auftrag des Stapferhauses Lenzburg). In den USA sind es laut einer Studie aus dem Jahr 2006 rund 40%, die es zumindest für wahrscheinlich halten, dass die US-Regierung von den Anschlägen wusste, jedoch nichts dagegen unternahm.

Während das oben genannte Beispiel mittlerweile zur Verschwörungstheorie geworden ist, wird diese dennoch durch zahlreiche Fake News unterstützt und zeigt, wie viel Reichweite diese entwickeln können.

Bevor wir uns tiefer in den Verschwörungstheorie- und Fake News-Dschungel vortasten, definieren wir zunächst: Was sind Fake News überhaupt? Der Begriff bezeichnet vorsätzlich manipulative unwahre Nachrichten, welche vor allem in den Sozialen Medien gern schnell verbreitet werden und viral gehen. Zuletzt wurde der Begriff auch vermehrt als politisches Schlagwort verwendet. Vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika wird die Debatte sehr intensiv geführt. Hand in Hand gehen Fake News mit Verschwörungstheorien, da beide zumeist in dieselbe Richtung gehen.

Anhand von drei weiteren Fallbeispielen will ich versuchen aufzuzeigen, wie leicht Falschnachrichten von der Bevölkerung aufgenommen werden und wie daraus politische Einflussnahme entstehen kann.

Die sogenannte „Birther“-Bewegung behauptete, dass der ehemalige US-Präsident Barack Obama in Kenia und nicht den USA geboren sei und somit noch nicht einmal Kandidat hätte werden dürfen. Diese Nachricht war schon von Anfang an erlogen. Auch die Beteiligung Trumps als Anführer dieser Bewegung trug dazu bei, dass ein Teil der Bevölkerung Obama nicht akzeptierte, ihn als unamerikanisch betrachtete und deswegen Obama die Arbeit stark erschwerte. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2010 glaubten damals 11% der Bevölkerung, dass Barack Obama definitiv in einem anderen Land geboren sei und 16% glaubten, dass er wahrscheinlich in einem anderen Land geboren sei. Zurückzuführen ist diese Falschmeldung wahrscheinlich auf Ressentiments gegenüber einem dunkelhäutigen Präsidenten; alle Klagen diesbezüglich sind jedoch vor Gerichten gescheitert.

Skurril war auch das Gerücht, dass die demokratische Präsidentschaftskandidatin 2016, Hillary Clinton, satanistisch und pädophil sei und ausserdem an (Kinder-) Morden schuldig sei. Dieses Gerücht führte zu der Verschwörungstheorie „Pizzagate“, welche wiederum einen Mann dazu brachte einen bewaffneten Überfall auf ein Pizzarestaurant in Washington zu verüben, weil dieser dort einen vermeintlichen Kinderpornografiering vermutete und zerschlagen wollte.

Doch auch in Europa gab es Falschmeldungen mit einigermassen überraschenden gesellschaftspolitischen Folgen: um genau zu sein in Berlin Anfang 2016. Die erst 13-jährige, russischstämmige Lisa wurde von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Der Erste Kanal, ein TV-Sender aus Russland, behauptete jedoch, dass das Mädchen von Geflüchteten entführt und über 30 Stunden vergewaltigt worden sei. Diese Behauptung wurde schnell von weiteren russischen Medien, unter anderem RT, Sputnik und Newsfront, aufgegriffen. Als Reaktion darauf gab es Demonstrationen der russischen Diaspora in Berlin und ganz Deutschland. Hinterher stellte sich heraus, dass Lisa aufgrund schulischer Probleme nicht nach Hause wollte und bei ihrem Freund übernachtet hatte.

Hinter diesen Verläufen steht eine recht simple Theorie: Wenn etwas so Extremes behauptet wird, verliert die Realität ihre Authentizität und Glaubwürdigkeit, denn irgendwas muss ja daran wahr sein, da niemand so etwas erfinden würde oder könnte. Zusätzlich ist die Lüge oft spannender und sensationeller als die oft spröde und langweilige Realität.

Doch die Frage bleibt: Warum haben Falschnachrichten einen so grossen Erfolg und wie werden diese überhaupt erst unter die Menschen gebracht? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein wenig genauer hinschauen.

Die Stadt Veles in Mazedonien wurde international bekannt, als herauskam, dass es sich dort einige Bürgerinnen und Bürger zum Geschäft gemacht hatten, Web- und Facebookseiten zu betreiben, deren einziger Zweck die Verbreitung von Falschnachrichten während des letzten US-Wahlkampfes war. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, sind die Themen breit gestreut und der Output riesig. Auch wenn eine einzelne Person eine Meldung für falsch hält, wird sie vermutlich durch die schiere Masse irgendwann überwältigt sein. Man sieht also, dass mittlerweile richtig Geschäft gemacht wird mit der Verbreitung von Fake News.

Da es im Internet keine Faktenkontrolle gibt, wird es immer schwieriger, die wahren Nachrichten von unseriösen und erlogenen Berichten zu unterscheiden. Über die Sozialen Medien (vor allem Facebook, Instagram und Twitter) werden diese Nachrichten vielfach und in kürzester Zeit geteilt, kommentiert und geliked. Problematisch wird es dann, wenn Teile der Bevölkerung nur noch diesen falschen Nachrichten glauben und sich Filterblasen bilden, eine tiefergehende Recherche unterbleibt und man sich durch die wiederkehrenden gleichlautenden Meinungen („Bubble“) bestätigt fühlt. Das Zuhören und Akzeptieren anderer Standpunkte verschwindet und so spaltet sich die Gesellschaft immer mehr, bis es eines Tages verfeindete Lager gibt, die nichts mehr voneinander wissen oder hören wollen.

Allerdings stellt sich für alle die Frage, wie man der anderen Seite zuhören und so eine weitere Entzweiung verhindern kann. Auch wenn nicht jede Diskussion zu einem Ergebnis führt, ist der Austausch einer der Grundpfeiler der Demokratie.

Man sieht anhand der oben genannten Beispiele, wie stark die Gesellschaft von Falschmeldungen beeinflusst werden kann. Wenn wir uns als Menschen nicht mehr auf das verständigen können, was wahr ist, sondern uns immer mehr in Echokammern oder Filterblasen zurückziehen, „können wir die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern“, wie der Historiker und Verschwörungstheorieforscher Michael Butter in seinem Buch Nichts ist, wie es scheint so präzise formulierte.

Was müsste nun getan werden, um die Verbreitung falscher Nachrichten einzugrenzen? Denn wie eine Umfrage von bitkom research aus dem Jahr 2015 zeigte, nutzt beinahe ein Viertel der Internetbenutzerinnen und -benutzer die Sozialen Medien als primäre Informationsquelle; diese Zahl ist in den letzten Jahren noch weiter gestiegen. Doch wie soll nun zwischen seriösen Nachrichten und Fake News unterschieden werden?

Eine Möglichkeit wäre in den Schulen das Fach Medienkompetenz (bspw. im Politikunterricht) einzuführen, um möglichst früh eine gewisse Verantwortung und vor allem Recherchekompetenz zu vermitteln. Das erfordert natürlich die Weiterbildung und Sensibilisierung der Lehrkräfte, welche ihr Wissen an andere weitervermitteln können, doch der Aufwand wäre es definitiv wert. Die Demokratie wird es uns danken.

  • Ich leite seit Anfang 2019 den Kulturteil bei Quint und führe unter juliuseofintelmann.com einen eigenen Blog. Ansonsten trifft man mich für gewöhnlich auf Probebühnen oder im (Theater-) Publikum an. Ich strebe ein Studium der Theaterdramaturgie und der Politologie an.

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