Jugend ex Machina

Die Jugend, wie wir sie kennen, gibt es erst seit erstaunlich kurzer Zeit. Diese ein wenig rebellische, aufmüpfige, sorglose und lebensfrohe Schicht unserer Gesellschaft entstand nämlich zeitgleich mit dem grundlegenden Baustein unserer Wirtschaft: der Industrie.

Während der industriellen Revolution im späten 19. Jahrhundert war das Leben eines Kindes tendenziell eher kurz und mühselig. Diejenigen, die ihr sechstes Lebensjahr erreichen durften, mussten meist schon in diesem jungen Alter in der nächstbesten Fabrik unter horrenden Arbeitsbedingungen ihr Bestes geben, um ein paar wenige Franken zusammenzutragen. Viele waren aufgrund ihrer schmächtigen Statur auch in Minenschächten tätig.

Diese uns nun unmenschlich erscheinende Beschäftigung von Kindern hatte damals zwei grundlegende Voraussetzungen für die Herauskristallisierung der Jugend als eigene soziale Klasse geschaffen.
Kurzfristig schuf die Kinderarbeit einen neuen Werbemarkt für eine neue Zielgruppe, die nun dank ihrer Fabrikarbeit ihr eigenes Geld besass und dieses somit auch ausgeben konnten. Das führte dazu, dass seither explizit auf Kinder gerichtete Werbung produziert und Produkte verkauft werden.
Kombiniert mit dem langfristigen Einfluss der industriellen Revolution auf Kinder, nämlich der Lösung des Problems der Kinderarbeit, ergibt sich so der perfekte Weg für die Jugend, sich als neue Altersklassifizierung zu behaupten. Denn wie trennt man Gruppen besser als bedingungslos und durch Wände?
Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen von Kindern im 19. Jahrhundert schlugen mit der Zeit in das andere Extrem um. Mit der Einführung der Schulpflicht erfolgte die endgültige gesellschaftliche Akzeptanz der Jugend als eigene Schicht in der Gesellschaft.

Trotz dieser neuen obligatorischen Beschäftigungstrennung zwischen Jung und Alt blieben die familiären Rollenverteilungen grösstenteils gleich und Jugendliche unter den Fittichen ihrer Eltern. Da Fortbewegungsmittel bestenfalls dürftig waren, konnten soziale Interaktionen zwischen Jugendlichen ausserhalb der Schulzeit fast ausschliesslich nur in den vier Wänden des elterlichen Hauses stattfinden. Dieser Umstand war nicht nur der Entwicklung einer Jugendsprache hinderlich.
Glücklicherweise konnte diese letzte Etappe der Selbstverwirklichung durch die Einführung massenproduzierbarer persönlicher Fortbewegungsmittel, wie dem Fahrrad oder dem Auto, ermöglicht werden.

Ohne diese drei Wirkungen der Industrie auf die Gesellschaft gäbe es heute schlichtweg keine Jugend. Stattdessen wären wir immernoch, wie wir vor der Industriellen Revolution waren.
Der Preis einer gebildeten, aber unabhängigeren Jugend war die Schikanen der frühen Industrialisierung definitiv wert.

 

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