Reisen: Das Persönlichkeitslabor

Wieso reisen wir und wieso fällt es uns in der Ferne einfacher, Neues auszuprobieren?

Ungewohntes Essen ausprobieren, Gespräche mit fremden Menschen beginnen oder diszipliniert jeden Tag in einem Buch lesen – selten lassen wir Veränderungen und Ungewohntes in unserem Alltag zu.
Die Durchschnittswoche steht von Montag bis Sonntag über allem, eine Gewohnheit, die vielleicht nicht erdrückend, aber doch bestimmend ist. Unser Charakter, unsere Vorlieben und unser Verhalten sind ein eingespieltes Team, welches den Alltag souverän abspult, uns mit Mitmenschen auskommen lassen kann und uns Sicherheit gibt. Es gibt jedem Menschen eine Definition, wie er sich normalerweise verhält.

„Ach, so ist er/sie einfach“, meint das Umfeld und erwartet nichts anderes.
Und wir haben nicht vor zu widersprechen.

Doch manchmal möchten wir unsere Gewohnheiten verändern und Neues entdecken – aber wir stecken irgendwie in dieser Alltags-Definition fest. Niemand soll durch unser Verhalten irritiert werden und uns vor jemandem rechtfertigen möchten wir schon gar nicht. Und bisher hat sich unsere Definition ja bewährt.

Und so lautet die Devise eher, sich auf Vertrautes zu verlassen, als Vertrautes zu verlassen.

Doch wie können wir es uns erleichtern, unsere Definition – zumindest teilweise – hinter uns zu lassen?
Durch das Reisen. Denn egal ob in einer Airbnb-Wohnung in Amsterdam, in einem Zugabteil in Norwegen oder irgendwo im Nirgendwo sehen wir uns Situationen ausgesetzt, wo niemand unsere Definition kennt.
Jenseits vom Alltag ist diese nicht mehr in finaler Form ausformuliert, sie ist bloss ein Entwurf. Dieser lässt Experimente zu und ermutigt, Neues auszuprobieren. Wenn niemand weiss, wie wir uns normalerweise verhalten, kann sich auch niemand irritiert zeigen, wenn wir davon abweichen. Neue Bekanntschaften inspirieren uns, Unbekanntes zu wagen oder den Blick auf alte Gewohnheiten zu verändern. Nur Anstand und Respekt gehören immer ins Reisegepäck!

Das soll nicht heissen, dass man diese Experimentierfreudigkeit nicht auch Zuhause ausleben kann; es fällt nur manchen Menschen in der Ferne einfacher.
Aber das soll auch nicht bedeuten, dass wir – wenn wir nur genug weit reisen – unsere Definition vollständig ablegen können. Oder wie Alligatoah es in seinem Song „Wie Zuhause“ formuliert:

„Für manche Ausreisen hab‘ ich einen Ausweis gebraucht
Aber kein Passport bringt mich aus meiner Haut“

Aber es bedeutet, dass die Kulturbanausin von ihrer Definition weniger gehemmt wird und ohne Rechtfertigung von dieser abweichen kann, wenn sie eine Munch-Ausstellung in Oslo besuchen möchte. Oder der Bücherwurm, wenn er die Nacht tanzend in Prag verbringt.
Wenn wir dann nach einigen Tagen oder Wochen wieder zu Hause ankommen, beginnen wir einige der neuen Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Interessen in unseren Alltag einzubinden – andere verwerfen wir wieder. Aber eines ist sicher: Unsere Definition hat an zusätzlichem Charakter gewonnen, unsere Persönlichkeit hat sich weiterentwickelt!

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

  • Show Comments

Your email address will not be published. Required fields are marked *

comment *

  • name *

  • email *

  • website *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Ads

You May Also Like

Events

Events Rieke Volkenandt Was läuft in Basel BuchBasel – Internationales Buchfestival; 10.-12. November 2017 ...

All you need is love!

Was versetzt stärker in Extase als Kokain, was macht schneller süchtig als Nikotin und ...

Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans Das Portrait eines Fotografen Rieke Volkenandt Wolfgang Tillmans, geboren am 6. August ...

Paul Ernst Klee

Paul Ernst Klee Rieke Volkenandt Ein Künstler mit zwei ausserordentlichen Talenten und einem Hang ...