Für jemanden, der vor 100 Jahren gelebt hat, wäre unsere Gegenwart unvorstellbar: Wir können uns mit Personen unterhalten, die sich am anderen Ende der Welt befinden und können uns von Google Maps orten lassen, wo auch immer wir uns auf diesem Planeten befinden. Doch wo beginnt die Zukunft, die auch wir uns nicht vorstellen können?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man eine Grundregel der Entwicklung kennen: Fortschritt führt zu Verbesserungen im Erzielen von Fortschritt. Dadurch nimmt das Entwicklungstempo der Menschheit exponentiell zu oder einfacher formuliert: Die Zeitdauer, die für eine Entwicklung benötigt wird, nimmt stetig ab. Raymond Kurzweil, Director of Engineering bei Google und Bestseller-Autor, ist der Überzeugung, dass mit der Fortschrittsrate des Jahres 2000 der gesamte Fortschritt des 20. Jahrhunderts in nur 20 Jahren erreicht worden wäre.

Dennoch glauben die meisten Menschen, unsere Entwicklung sei linear. So kommt es, dass wir, wenn wir den Fortschritt der nächsten 30 Jahre voraussagen möchten, intuitiv dazu die vergangenen drei Jahrzehnte untersuchen. Anschliessend projizieren wir den in dieser Zeit erreichten Fortschritt in die Zukunft. Dadurch wird aber die steigende Entwicklungsrate ignoriert, was zu einer unablässigen Unterschätzung der Zukunft führt. Kommende weltbewegende Entwicklungen, wie zum Beispiel auf dem Gebiet der Technologie, siedeln wir somit weit entfernt in der Zukunft an, obwohl sie vergleichsweise nahe an unserer Gegenwart liegen können und werden. Dies führt leider dazu, dass wir uns zu wenig mit scheinbar weit entfernten Entwicklungen befassen und uns so nicht auf sie vorbereiten können.

Setzen wir nun aber die Entwicklungsgeschwindigkeit und den heutigen Stand der Technologie in Zusammenhang, muss die Schlussfolgerung sein, dass es noch zu unseren Lebzeiten zu grossen Veränderungen in vielen Bereichen unseres Daseins kommen wird. Welche Entwicklungen werden wir also miterleben?

Der Mensch wird Nummer 2 – oder wie es Raymond Kurzweil ausdrückt: „Before the next century is over, human beings will no longer be the most intelligent of capable type of entity on the planet.“ Seit Jahrhunderten gilt die menschliche Spezies als Krönung der Schöpfung. Nun scheinen wir aber unseren Thron an die künstliche Intelligenz abtreten zu müssen.

Schon in den 60er Jahren wurden die Grundsteine für eine solche Entwicklung gelegt. In dieser Zeit wurden erste Konzepte für eine Maschine aufgestellt, die so programmiert ist, dass sie eigenständig Probleme bearbeiten kann. Sie wurde mit dem Überbegriff «künstliche Intelligenz» (KI) beschrieben und sollte in ferner Zukunft eine menschenähnliche Intelligenz nachbilden.

Während Forscher und Visionäre lange Zeit verspottet wurden, sind bis zum jetzigen Zeitpunkt in diesem Gebiet bedeutende Fortschritte erzielt worden. Denn schon heute sind wir ununterbrochen umgeben von einfacher künstlicher Intelligenz – ganz ohne dass wir uns dessen bewusst wären.

Dies liegt einerseits an unserer von Filmen geprägten Sichtweise: Wir assoziieren künstliche Intelligenz augenblicklich mit den klassischen Science-Fiction-Robotern. Doch Roboter sind höchstens «Körper» einer KI und haben nicht direkt mit der Thematik zu tun. Auf der anderen Seite realisieren wir oft nicht, welche Technologien tatsächlich von künstlicher Intelligenz unterstützt werden. Software von selbstfahrenden Autos, Zeichen- und Spracherkennungsprogramme, aber auch die Suchvorschläge von Google und Internetwerbungen basieren alle auf dieser sogenannten «schwachen künstlichen Intelligenz». Das ist Software, die sich ununterbrochen selbst verbessert, um den einen Zweck, für den sie programmiert wurde, optimal erfüllen zu können.

Doch obwohl die Liste der Fähigkeiten, in der die Maschine dem Menschen unterlegen ist, rasant schrumpft, verfügen wir (noch) über einen entscheidenden Vorteil: Unser Gehirn kann meisterhaft die unterschiedlichsten Probleme selbstständig lösen. Doch wie soll man das einer Maschine beibringen?

Die künstliche Intelligenz darf nicht mehr nur auf einen Zweck ausgerichtet sein, sondern muss gleich flexibel sein wie unser Gehirn. Es gibt verschiedene Ansätze, dieses Problem zu lösen und die Experten sind positiv gestimmt, dass die Wissenschaft auch diese Herausforderung meistern wird. Und das eher früher als später: Bei einer Studie mit hundert Experten auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz gaben die Wissenschaftler an, dass bis im Jahr 2045 die Wahrscheinlichkeit grösser sei, dass eine, dem Menschen ebenbürtige künstliche Intelligenz existiert, als dass dies noch nicht eingetreten sei. 25 Jahre später soll eine neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit bestehen, dass eine derartige KI programmiert ist. Natürlich liegt es im Wesen einer Zukunftsprognose, dass sie falsch sein kann, doch die Einigkeit unter den Forschern im Bezug auf diese Frage ist beeindruckend – und diese Studienteilnehmer gehören zu der Gruppe Menschen, die am meisten über dieses Thema wissen. Auf uns wirkt diese Vorhersage jetzt vielleicht übertrieben, doch könnte es nicht sein, dass wir – wie bereits zu Beginn aufgezeigt – die Zukunft unterschätzen?

Und sobald eine künstliche Intelligenz existieren sollte, die sich in allen Bereichen vollkommen selbstständig verbessern kann, kommt wieder die zu Beginn beschriebene Grundregel der Entwicklung zum Tragen: Verbesserung führt zu verbesserter Verbesserung. Was danach folgt, ist Eintritt in die Singularität: Die Maschine überflügelt den Menschen und baut ihre Überlegenheit selbständig schneller aus. Und dies in einem Masse, dass wir die folgenden Entwicklungen auf keinen Fall einschätzen können. Die künstliche Intelligenz steigert ihre Intelligenz ins Unermessliche, ins für den Menschen bei Weitem nicht mehr Fassbare.

Wir als Menschen werden neu definieren müssen, wer wir sind und was unser Zweck auf diesem Planeten ist, denn diese Entwicklung wird alle unsere Lebensbereiche erschüttern. Und schon jetzt müssen wir damit beginnen, dieses Thema ernst zu nehmen. Denn es ist nach der Entstehung der Einzeller und der Weiterentwicklung zum Mehrzeller der dritte Schritt der Evolution. Er bedeutet entweder das Ende der Menschheit oder den Aufbruch in ein neues Zeitalter.

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

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