Der Reiz der Informationskontrolle

Geht man in der Schweiz auf die Seite www.appel-au-people.org, wird folgendes angezeigt: „Der Zugriff auf diese Seite ist aufgrund einer richterlichen Verfügung gesperrt.“ Sprich, die Seite wurde vom Waadtländer Untersuchungsrichteramt zensiert, genauso wie viele Websites für die Bewohner Chinas, Nordkoreas oder anderer Länder gesperrt sind. Früher als kleiner Junge habe ich mich immer gefragt wieso. Heute als Leiter des Lektorats reizt es mich selbst manchmal.

Das Wort Zensur beschreibt die Informationskontrolle, sprich das Überprüfen von Briefen, Druckwerken, Filmen oder anderen Medien. Sie wurde im Laufe der Zeit immer wieder von verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen benutzt, um gewisse Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Dies meistens aus dem Grund, dass deren Inhalt von der jeweiligen Gruppierung als unerwünscht oder ungesetzlich angesehen wurde. Durch das Verbot des Inhaltes wird die Meinungsfreiheit und die Meinungsbildung der betroffenen Bevölkerung eingeschränkt.

 

Erste Anzeichen von Zensur gab es schon in der römischen Antike und später im Mittelalter. Stark praktiziert wurde der Versuch der Informationskontrolle besonders zur Blütezeit der Nationalstaaten im 19. und 20. Jahrhundert. Alle Werke, die Kritik an der Regierung ausübten, Theaterstücke, Epische Texte, Gemälde oder andere Kunstwerke, wurden verboten oder die Künstler gezwungen, ihr Werk abzuändern.

 

Im Moment ist dagegen vor allem das Internet und der Versuch vieler Staaten aktuell, die Informationsverbreitung innerhalb dieses relativ neuen Mediums unter Kontrolle zu bringen. Fälle von starker Zensur treten vor allem in der Volksrepublik China, Russland und Nordkorea sowie in nordostafrikanischen und südwestasiatischen Ländern auf, aber auch viele andere Länder machen von der Informationskontrolle des Internets Gebrauch. Kuba ist der extremste Fall Amerikas, aber auch beispielsweise die Vereinigten Staaten versuchen, Zugänge zu WikiLeaks-Informationen zu sperren. Auch in Europa werden in gewissen Ländern Seiten für Internetnutzer unzugänglich gemacht. In der Schweiz sind dabei zum Beispiel das zu Beginn genannte www.appel-au-people.org oder www.swiss-corruption.com betroffen.

Die Internetzensur wird von vielen Ländern, darunter auch von Mitgliedstaaten der EU oder von der Schweiz, aber auch dazu benutzt, kinderpornographische Inhalte zu sperren. Andere Länder verbieten ihren Bürgern zudem den Zugang zu Plattformen mit allgemein sexuellem, anders kulturellem oder anders religiösem Inhalt. Dazu gehören beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien.

 

Neben den oben genannten Ausnahmen hat jede Person in der Schweiz mit Internetzugang die Möglichkeit, sich frei im Internet zu bewegen. Auch in gedruckten oder gefilmten Medien ist der Mensch in der heutigen Schweiz grundsätzlich relativ uneingeschränkt, wenn er etwas veröffentlichen oder sich informieren möchte.

Dies war im Laufe der Zeit jedoch nicht immer der Fall. So wurde während dem Zweiten Weltkrieg aufgrund ausserordentlicher Vollmachten des Bundesrates ein Zensurregime eingeführt, dass Bilder und Filme vorzensierte, sprich vor der Veröffentlichung kontrollierte, und bei Verstössen nicht zur Publizierung freigab. Die Texte von Zeitungen wurden dagegen unter Nachzensur gestellt und die Herausgeber bei unerwünschtem Inhalt verwarnt. Bei mehrmaligen Verstössen konnten die Zeitungen verboten werden. Die zuständigen Stellen kontrollierten vor allem, dass die Neutralität nicht in Frage gestellt und die Regierung sowie die Armee nicht zu stark kritisiert wurden. Da man die Achsenmächte nicht provozieren wollte, waren vor allem politisch linksorientierte Zeitschriften betroffen.

 

In dem eben genannten Beispiel wurde die Zensur von einer staatlichen Organisation vorgenommen. Dies ist auch heute noch meistens der Fall. Texte können aber auch auf eine ganz andere Weise zensiert werden. So habe ich als Leiter des Lektorats von Quint die Möglichkeit, gewisse Informationen zu verändern, zu entfernen oder gar neue einzufügen, ohne dass es jemand bemerken würde.

Jeder Text, der in einer Ausgabe unseres Magazins veröffentlicht werden sollte, wird ungefähr eine Woche vor dem «Gut zum Druck» an das Lektorat gesandt, um korrigiert und überarbeitet zu werden. Ich als Leiter übernehme dabei vor allem die Organisation und die Korrektur von orthographischen und grammatikalischen Fehlern. Trotzdem muss ich zu jedem Text, der hier abgedruckt wird, mein Okay geben, ansonsten kommt er nicht in die Ausgabe.

Beim Durchlesen und Überarbeiten komme ich immer wieder mit Gedankengut in Kontakt, dass mir persönlich gegen den Strich geht. Damit meine ich weniger die Texte, die neutral von aktuellen Ereignissen oder Zuständen in oder ausserhalb der Schweiz berichten, sondern mehr die Meinungen von interviewten Personen oder auch Schülern, die einen kurzen Text zu Politik oder ähnlichem verfasst haben. Am liebsten würde ich dann gewisse Passagen oder sogar gleich den ganzen Text verändern. Wenn ich genauer darüber nachdenke, würden sich dabei nicht gerade viele Probleme ergeben. Wenn ich einen Text als Erster überarbeite und ihn verändere, weiss die Person, die ihn als zweites durchliest nicht, ob dies jetzt meine Meinung oder die ursprüngliche Meinung des Autors ist, insofern ich mich dabei nicht allzu ungeschickt anstelle. Schwieriger wird es dabei nur bei bekannten Fakten in neutral berichtenden Artikeln. Wenn ich den Text als letzte Person durchlese, kann ich ihn ebenfalls nach Belieben verändern und umgestalten, bevor der Text in den Druck geht. Dies würde jedoch nur funktionieren, wenn ich die Zensur in kleinem Masse praktizieren würde. Denn schlussendlich könnte immer noch die Chefredaktion die Zensur verhindern, insofern sie es bemerken würden.

Ganz anders sieht die Situation jedoch aus, wenn diese dieselben Absichten hätte und ebenfalls zensieren wollen würde. Die Zensur hätte freie Bahn. Die Informationen würden so an den Leser kommen, wie wir es wollten. Sprich, egal wie wahrheitsgetreu unsere Journalisten schreiben würden, es würde immer unsere Wahrheit veröffentlicht werden.

So geschieht es auch in Ländern, die von der Informationskontrolle Gebrauch machen. Selbst wenn die Journalisten wahrheitsgetreu schreiben, heisst das noch lange nicht, dass ihr Text so veröffentlicht wird.

 

Dadurch habe ich als Leiter des Quint-Lektorats zusammen mit den Chefredaktoren eine grosse Macht über das Magazin, dessen Ziel es ist, möglichst neutral zu berichten. Wir können die Informationen relativ stark abändern und somit die Meinung oder zumindest die Meinungsbildung unserer Leser beeinflussen. Würde ganz Basel nur Quint lesen, könnten wir allen Baslern weiss machen, dass Trump Kommunist wäre oder dass in China eine uneingeschränkte Pressefreiheit herrscht. Wir könnten die Meinung der ganzen Stadt nach unseren Vorstellungen formen. Im Prinzip würden wir dann genau das praktizieren, was aktuell die chinesische oder auch viele andere Regierungen tun.

  • - geboren am 29. April 2000 - Schüler am Gymnasium Kirschgarten, Basel

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