Es war ein Freitag im Dezember, als vor 7 Jahren Ordnungskräfte in einer kleinen Stadt in Tunesien den Verkaufswagen eines Gemüsehändlers aufgrund einer fehlenden Verkaufslizenz beschlagnahmten. Ein alltägliches Prozedere, doch der junge Mann hatte kein Geld oder «Beziehungen», die ihn vor diesem Schicksal bewahrten. Weiter gedemütigt durch eine Ohrfeige eines Beamten und die Ignoranz des Systems, das ihn schützen sollte, führte es dazu, dass er sich vor dem Verwaltungsgebäude öffentlich selbst verbrannte. 28 Tage später endete die 23 Jahre andauernde Präsidentschaft von Zine el-Abidine Ben Ali, der das Land überstürzt verlassen musste.

Es war dieser eine kleine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dieser einfache Gemüsehändler wurde zum Auslöser einer Protestwelle, die sich auf elf verschiedene arabische Staaten ausweitete und dabei Millionen von Menschen mobilisieren konnte – es war der Beginn des «Arabischen Frühlings». Die sozialen Missstände und die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Regierung schufen eine Spannung, die auf genau diesen einen Funken wartete.

Die Situation in Frankreich vor mehr als 200 Jahren war ähnlich geladen. Die französische Bevölkerung litt unter den verschwenderischen Ausgaben des Königs, die Wirtschaft war aufgrund der teuren Kriege am Boden und die Bevölkerung verfügte über keinerlei Mitspracherecht. Als dann die Brotpreise stiegen, sahen die Menschen ihre Existenz gefährdet und die «Mutter aller Revolutionen» nahm ihren Lauf.

Dieses Phänomen der steigenden Brotpreise vor einem revolutionären Aufstand lässt sich durch die ganze Geschichtsschreibung beobachten, von Grossbritannien über Rumänien bis nach Tunesien.

Wut und Entrüstung, aber auch Existenzangst zwingt die Bevölkerung zur Tat. Nun spielt es eine grosse Rolle, ob die Bewegung über Führungspersonen und Identifikationsfiguren verfügt. Sie müssen dem Volk die Richtung weisen und zusätzlich die Massen mobilisieren.

Zu diesem Zeitpunkt kann der Machthaber frühzeitig reagieren und Reformen ankündigen. Allerdings setzt das voraus, dass dieser das Ausmass der Bewegung richtig einschätzt und dann einen Schritt auf das Volk zu macht. In demokratischen Staaten kommt es zur Entschärfung der Situation durch Abstimmungen, durch die beispielsweise in Spanien nach grosser Unzufriedenheit eine neue Regierung gewählt wurde.

Wird das Volk durch die Reaktion des Herrschers nicht besänftigt, werden sich die Proteste ausweiten. Die nun immer organisierter werdenden Kundgebungen und Versammlungen führen zu landesweiten Demonstrationen und Protestmärschen. Als sich die Arabische Revolution nach Ägypten ausweitete, gingen am 31. Januar 2011 allein in Kairo bis zu zwei Millionen Menschen auf die Strasse.

In autokratischen Staaten, besonders solchen, die von Königshäusern regiert werden, kann die Spannung nun durch eine sogenannte Palastrevolution abgebaut werden. Dabei wird die herrschende Person für die gesamte Schuld an der Krise verantwortlich gemacht. So kann der Herrscher oder König vom bereits regierenden Umfeld entfernt werden und die Machtverhältnisse bleiben gleich verteilt – und die Demonstranten werden dabei durch die Veränderung besänftigt werden.

Bleibt die Palastrevolution aus, nehmen die Proteste weiter zu. In dieser Phase ist entscheidend, wie sich das Militär positioniert. Stellt es sich auf die Seite des Volkes oder bleibt es neutral, so kommt es zur Absetzung der Regierung. Während dem Fall der Berliner Mauer wurde auf ein Eingreifen des Militärs auf Druck seitens der Sowjetunion verzichtet, was zur gewaltlosen Wiedervereinigung führte. Unterstützt das Militär jedoch die Regierung, so kommt es zur gewaltsamen Auflösung der Proteste, in vielen Fällen führt dies zu unzähligen Verletzten und zu den ersten Toten. Diese ersten «Märtyrer für die gute Sache» befeuern den Konflikt und erhöhen die Gewaltbereitschaft gegenüber den eigenen Polizeikräften. Nun zeigt sich, ob sich der staatliche Gewaltapparat gegen die Demonstranten behaupten kann.

Um die Proteste niederzuschlagen, wird in einigen Fällen die Hilfe ausländischer Verbündeter gesucht. Beispielsweise sandten die Vereinigten Arabischen Emirate Truppen, um den Aufstand in Bahrain zu zerschlagen. Gewinnt die Regierung diesen brutalen Kampf, beginnt sie mit der Verfolgung der Oppositionellen, die dann in Schauprozessen verurteilt werden. So will die herrschende Klasse demonstrieren, was mit Aufständischen passiert, auch um zukünftige kritische Stimmen abzuschrecken.

Erweisen sich in diesem blutigen Kampf die Regierung und das Volk als gleich stark, kommt es zu einem Bürgerkrieg, wie man das beispielsweise in Syrien beobachten konnte. Nur in den wenigsten Fällen endet eine Revolution in einer solchen Katastrophe, doch in vielen Fällen führt sie zu einer Verschlimmerung der Situation für die Bevölkerung oder zu keinen unmittelbaren Veränderungen. Eine Revolution ist aufgrund ihrer grossen Versprechungen dazu verdammt, ihre Anhänger zu enttäuschen. In einem so kurzen Zeitraum kann sich kein System neu erfinden und etablieren. So kommt es meist nur zu einer Verschiebung des Besitzes und der Macht, keiner grundlegenden Neuverteilung.

Nicht zu vergessen ist, dass die Revolution durch einfache Bürger angeführt wird. Nach einer gewissen Zeit gewinnt der Wunsch nach Normalität und Sicherheit die Überhand und das kräftezehrende Aufbegehren gegen das System fordert seine Opfer. Als Napoleon nach der chaotischen Zeit der Revolution durch einen Staatsstreich die Macht übernahm und die Revolution für beendet erklärte, machte sich Erleichterung breit. Wenige Jahre später krönte er sich selber zum Kaiser. Tägliche Protestmärsche können ein Regime zum Wanken bringen, sind aber auf längere Zeit nicht aufrecht zu erhalten.

Doch während eine Revolution definitionsgemäss nur sehr kurz andauert und der Umbruch schnell sein Ende findet, bestehen ihre Ideale und Werte weiter. In Frankreich dauerte es ein ganzes Jahrhundert, bis sich die Versprechungen der Revolution erfüllten. Heute sind Demokratie und die Gleichheit vor dem Gesetz ein alltäglicher Bestandteil unseres Lebens. Doch diese Alltäglichkeit birgt eine nicht zu unterschätzende Gefahr: Durch die Selbstverständlichkeit unserer aktuellen Situation verlor der Begriff der Revolution stark an Ansehen und Symbolik. Der Wille etwas zu ändern, der zuvor als kraftvoller Unterton mitklang, scheint verhallt und übrig bleiben nur «Vive la Revolution!»-Kritzeleien an verschmierten Wänden. Sie sind Zeichen dieser romantisierten Vorstellung über den Erfolg von Revolutionen, der besonders an Nationalfeiertagen gerne in den Mittelpunkt gestellt wird. Dabei rückt in den Hintergrund, dass keine dieser glorifizierten bürgerlichen Revolutionen unmittelbar ihr Ziel erreichte. Doch die Macht des Revolutionsgedankens liege nicht in seiner Praxis, stellte Konrad Liessmann, Professor für Philosophie an der Universität Wien, an einem Podium der NZZ klar, es seien die Ideale, die die Leuchtkraft der Revolution bestimmen.

Das kommt daher, dass, wie Hanna Arendt 1963 in ihrem Essay ausführte, eine Revolution durch zwei Aspekte angeführt wird: Zum einen durch die «Idee der Freiheit» und zum anderen durch die «Erfahrung eines Neuanfangs». Letzteres steht für das angestrebte – meist radikale – Umdenken in Staat, Politik und Gesellschaft, das jede Revolution in ihrem Kern fordert. Allerdings leben wir heute in einem Zeitalter des ununterbrochenen Wandels. Wir werden geradezu überflutet von Innovationen und wir erwarten ständigen Fortschritt. Doch alle diese Veränderungen sind nicht grundlegend, sondern basieren auf dem aktuellen System: dem Kapitalismus. Jede Kritik an ihm ist nur vereinzelte ziellose Empörung ohne klare Vorstellung, was jenseits dieses scheinbar allmächtigen Konstrukts liegen könnte. Nur gegen etwas Widerstand zu leisten ohne Alternative ist keine Zukunftsvision, die zu einem Fortschritt führt.

Unsere Freiheit sehen wir als selbstverständlich an, den Kampf um sie als vernachlässigbar, weil sie ja bereits vorhanden ist. So kommt es zu einer Trennung dieser beiden zentralen Ideale, die nur in Kombination eine Revolution ausmachen. So unzufrieden heutzutage alle über die Situation scheinen, möchte trotzdem niemand einen so radikalen Umbruch riskieren, höchstens zurück in die Vergangenheit. Nein, eine Revolution wird heute nicht mehr gebraucht, eine grundlegende sofortige Änderung des heutigen Systems scheint auch nicht mehr erstrebenswert, weil im Grunde geht es uns gut. Und so kommt es, dass nun Auto-, Sport-und Kosmetikmarken den Revolutionsbegriff für sich beanspruchen.

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

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