Informed Consent – Kommunikation zwischen Arzt und Patient

Der Beruf des Arztes ist einer der ältesten Berufe unserer Gesellschaft. Früher ausgeübt von Priestern, Hebammen und Heilkundigen durchlief er unzählige Wandel. So lassen Aufzeichnungen aus Bologna aus den Jahren um 1600 n. Chr. überraschend andere Arzt-Patient-Beziehung erkennen. Die Patienten mussten für die Behandlung nur aufkommen, wenn sie innerhalb einer vorgeschriebenen Zeit geheilt wurden. Dieses „horizontale“ und nicht „hierarchische“ Modell der Arzt-Patient-Beziehung sorgte für ein Mitspracherecht des Patienten. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist es üblich, für die Pflege und Behandlung zu bezahlen – unabhängig vom Erfolg. Die Ärzte begannen, ihre Meinung über den Patienten zu setzen. Die damalige Bevölkerung verfügte über sehr begrenztes Wissen und konnte auch keine Krankheiten in Büchern respektive im Internet nachschlagen, um sich selber zu informieren. Doch wer weiss heutzutage tatsächlich, was das Beste für den Patienten ist?

Die Dominanz der Ärzte und die Rolle des Patienten erfuhren am 22. Oktober 1957 einen Wandel, als der oberste Gerichtshof in Kalifornien einen Arzt verurteilte, weil dieser seinen Patienten nicht vor den Risiken seiner Therapie gewarnt hatte. Der Begriff „informed consent“ (dt. informierte Einwilligung) entstand und legte einen juristischen Grundstein für viele ähnliche Fälle. Ein Arzt soll die Nutzen und Kosten einer Behandlung seinem Patienten vollumfänglich mitteilen, da unterschiedliche Wertevorstellungen die Nutzen- und Kostenwahrnehmung beeinflussen. Jedoch halten es einige Ärzte für kontraproduktiv, ihren Patienten alle Gefahren einer Behandlung zu erklären. Wie soll ein Laie die bessere Entscheidung fällen als der Arzt mit erfolgreich absolviertem Medizinstudium?

Diese Arzt-Patient-Beziehung ist vergleichbar mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerkes. Wie es gebaut werden soll, ist eindeutig eine technische Frage, die von den Ingenieuren am besten beantwortet werden kann. Die Frage, ob und wo ein Atomkraftwerk errichtet werden soll, ist nur teilweise eine technische; sie ist auch eine politische und gesellschaftliche Frage, deren Beantwortung nicht einzig bei den Ingenieuren liegen sollte. Die Aufgabe des Arztes ist,  zu informieren und aufzuklären, die Entscheidung liegt dann beim Patienten. Das Ausführen der gewünschten Behandlung liegt dann wieder in den Händen des Arztes. Es darf niemals vergessen werden, wessen Körper behandelt wird!

Viele Ärzte können mit diesem Modell nicht viel anfangen. Ihrer Meinung nach will ein Patient nicht informiert, sondern beruhigt werden, was leider oftmals der Realität entspricht. Wir müssen uns als Patienten an die Nase fassen und beginnen, Fragen zu stellen! Haben Sie bei der letzten Impfung den Arzt nach den Risiken gefragt? Wir müssen lernen, dass Ärzte nicht unfehlbar sind. Viel zu oft wird Entscheidung als Wahl zwischen Risiko und Gewissheit dargestellt, obwohl es die Wahl zwischen zwei verschiedenen Risiken sind. Beispielsweise stellt die Aussage „Sie müssen abnehmen, sonst bekommen Sie einen Herzinfarkt“ die Gewichtsreduktion als Gewissheit dafür dar, dass Sie keinen Herzinfarkt bekommen werden. Selbstverständlich ist das nicht korrekt, aber wir wollen diese Sicherheit und Garantie. Genauso inkorrekt ist es, dass die Person zwingendermassen einen Herzinfarkt erleiden wird, wenn sie nicht abnimmt. All diese Fehlerquellen hängen von unserer persönlichen Einstellung ab, ob wir den Arzt als allmächtige, allwissende und unfehlbare Macht, die uns Gewissheit gibt, einstufen oder eben doch nur als Menschen.

Diese Fehlbarkeit zeigt sich noch bei weiteren Punkten; in der Medizin spielt zum Beispiel das Positive-Predictive-Value (PPV) eine grosse Rolle. Es gibt an, wie viele Patienten, die einen positiven Test haben, wirklich an der getesteten Krankheit leiden. Bei Brustkrebs hat nur eine von zehn Frauen mit positivem Test tatsächlich Brustkrebs. Problematischerweise überschätzen Ärzte die Technologie mit der getestet wird und denken, dass ein positiver Test zwingend bedeuten muss, dass der Patient an dieser Krankheit leidet. Während keinem Zeitpunkt ihres Studiums kommt das Verstehen und Wiedergeben von Statistiken und Wahrscheinlichkeiten zum Tragen. Während das für die Ärzte keine Konsequenzen hat, erfahren Patienten erst viel zu spät, dass ein falsches Resultat möglich ist – eventuell erst nach einem invasiven Eingriff oder nachdem sich ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt hat.

Solche Fälle gilt es um jeden Preis zu verhindern. Die Teststandards dürfen nicht verändert werden, damit weiterhin die gleiche Anzahl Frauen mit tatsächlich vorhandenem Brustkrebs diagnostiziert werden können. Ärzte müssen also ihren Patienten verständlich erklären, dass ein Resultat auch inkorrekt sein kann. Wenn wir als Patienten und die Ärzte als Experten uns als gleichwertig betrachten und im Sinne der Aufklärung einen offenen und kritischen Austausch fördern, können wir die Medizin zu einem besseren Instrument für die Menschheit machen.

 

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

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