Glaube nie einer Studie, die du nicht selber gefälscht hast

Und doch berichten tagtäglich Onlinemagazine und Morningshows über eine endlose Anzahl von Studien und deren neueste sensationelle Erkenntnis, die wir dann via Social Media weiterverbreiten. Doch wie sehr darf man einer Studie Glauben schenken, die Kaffee zu einem Krebserreger erklärt? Und was bezweckt eine solche Studie?

Die Entstehung einer solchen reisserischen Studie kann ganz unterschiedlich ablaufen. Die Erforschung eines solchen Themas und die dazugehörige sensationelle Erkenntnis basiert meistens darauf, dass Forscher neue Sponsoren für zukünftige Arbeiten brauchen. Wenn man vorweisen kann, dass man neue Ergebnisse erzielt, bekommt man Fördergelder, auf die die Forschungszentren angewiesen sind. Nach einigen solchen „Fund-Raising-Studien“ wird es schlussendlich möglich, eine tatsächlich relevante Studie zu finanzieren.

Doch das muss ja noch nicht bedeuten, dass die Studie über den Kaffee eine Lüge ist. Um das weiter zu analysieren, müssen wir den Kontext, in dem die Forschung stattfand, betrachten. Dazu folgendes Beispiel: Es lässt sich sagen, dass Kaffee krebserregend ist, wenn eine Studie mit 20 Testpersonen als Referenzklasse zu diesem Resultat kommt. Das ist objektiv gesehen korrekt, jedoch nicht repräsentativ – es ist absurd von so wenigen Testpersonen auf die ganze Erdbevölkerung zu schliessen. Zusätzlich wird ein weiterer wichtiger Punkt vergessen: Es wird nicht erklärt, wie stark krebserregend Kaffee sein soll. Durchschnittlich trinken wir Menschen 1100 Tassen Kaffee pro Jahr, wieviel Prozent davon sollten deswegen nun an Krebs leiden? Zudem fehlt zur Beantwortung dieser Frage noch eine Zeitraumangabe. All diese Informationen sind in der ursprünglichen Veröffentlichung der Studie vorhanden, jedoch zu langweilig um bei weiterer Berichterstattung noch erwähnt zu werden. All diese entscheidenden Informationen gehen verloren, wenn Ergebnisse aus ihrem Kontext gerissen werden und einen packenden Storytitel abgeben müssen.

Firmen hingegen nutzen diese Schwachpunkte gekonnt aus: Wenn man bei einer Studie die oben genannten Punkte so variiert, dass sie zur gewünschten Theorie passen, könnte jedes Ergebnis möglich werden. Aus der Perspektive der Wissenschaft ein Albtraum, denn es entstehen unzählige nicht repräsentative Studien, die sich gegenseitig widersprechen. Eine Theorie muss sich den Fakten anpassen und nicht umgekehrt! Für die Unternehmen hingegen ist der Nutzen gross. So war es zum Beispiel möglich, dass Coca-Cola eine Studie veröffentlichte, die besagt, dass autofahren in dehydriertem Zustand gleichermassen gefährlich ist wie betrunken hinter dem Steuer zu sitzen.

Doch das Erstellen von inhaltslosen Studien kann auch noch eine Stufe professioneller ablaufen: P-Hacking. Bei dieser komplexen Analysemethode werden die Testpersonen analysiert und unzählige Merkmale untersucht wie zum Beispiel die Schuhgrösse, Lieblingsfarbe, religiöse Ausrichtung, Obstgeschmack und Lieblingsfilm. Mit diesen vielen Daten ist es möglich, Zusammenhänge festzustellen, die nur rein zufällig existieren, da die beiden untersuchten Merkmale eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Das amerikanische Unternehmen „FiveThirtyEight“ analysierte beispielsweise seine Mitarbeiter und stellte einen Zusammenhang zwischen dem Essen von rohen Tomaten und der Zugehörigkeit zum Judentum fest. Klar, die beiden untersuchten Merkmale haben keine Verbindung zueinander – die Studie ist dennoch theoretisch korrekt!

Zum Verhindern solcher zufälligen Zusammenhänge werden Studien normalerweise mehrfach wiederholt und dann deren Resultate verglichen. Doch die Finanzierung für solche Studien reicht nicht aus und niemand bekommt Anerkennung für das Bestätigen von bereits vorhandenen Ergebnissen. Das führt dazu, dass sich falsche Fakten über einen langen Zeitraum halten können und Sätze wie „Eine wissenschaftliche Studie hat herausgefunden…“ zu inhaltslosen Phrasen werden. Der Fehler liegt nicht bei der Wissenschaft, sondern bei unserer Verzerrung. Zusammenfassen lässt sich die Problematik am besten mit einem vollkommen ernstgemeinten Zitat von Al Rooker, einem Moderator der Today Show: „I think the best way of live is to find the study that sounds the best to you and you go with that.“

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

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