Die Frage des Zieles und die Moral

Nehmen wir an, ein Bergsteiger möchte einen Rekord brechen, der vor 50 Jahren aufgestellt wurde. Dabei nutzt er eine neu entwickelte Kletterausrüstung und ein leistungssteigerndes Medikament. Nun stellt sich folgende Frage: Ist dieses Dopingmittel moralisch vertretbar? Diese Frage mit ja oder nein zu beantworten, würde der Komplexität dieses Themas nicht gerecht werden. Zweifellos verhelfen Dopingmittel zu einem gewissen Vorteil in vielen Gebieten. Bei einem Wettkampf zwischen Sportlern oder für faire Selektionsprozesse wie in der Schule, müssen alle mit den gleichen Startbedingungen antreten. Es liegt in der Natur der Sache, dass das nicht vollständig möglich ist, doch Doping mit Medikamenten wie Anabolika oder Ritalin bringen in diesem Fall einen klaren Vorteil – deswegen die strikten Regelungen.

Im Beispiel unseres Bergsteigers versucht er einen Rekord zu brechen, den ein anderer Kletterer vor 50 Jahren ohne Doping aufgestellt hatte. Um einen fairen Wettstreit zu ermöglichen, müssten beide Kletterer unter gleichen Bedingungen antreten. Wir reagieren empört, wenn wir vom Dopingverhalten unseres Kletterers erfahren und unser Gerechtigkeitsgefühl meldet sich alarmiert zu Wort. Die Leistung ist nicht mehr nur von den natürlichen Fähigkeiten abhängig, sondern wird künstlich aufgebessert. Die neu entwickelte Kletterausrüstung hingegen löst bei uns eine deutlicher schwächere Reaktion aus. Doch besteht wirklich ein wesentlicher Unterschied zwischen der Kletterausrüstung und dem Dopingmittel?

In der Verbesserung der Ausrüstung sehen wir einen natürlichen, technologischen Fortschritt. Das ist vergleichbar mit dem Auftrag, ein Loch zu graben – wieso sollte man von Hand graben, wenn eine Schaufel zur Verfügung steht? Wir akzeptieren diesen technologischen Vorteil als festen Bestandteil des Sportes. Doch auch das Dopingmittel ist nichts anderes als eine technologische Verbesserung, nur ist diese uns weit weniger geheuer. Wir assoziieren Doping immer mit Betrug bei Wettkämpfen und in diesem Punkt zeigt sich der entscheidende Unterschied: Normalerweise wenn jemand in Sport Dopingmittel benutzt, geschieht es im Verborgenen und um sich seinen Kontrahenten gegenüber einen Vorteil zu verschaffen. Die Ausrüstung hingegen ist offen sichtbar, wird öffentlich diskutiert und wird auch von Mitstreitern schnell abgekupfert und verbessert.

Durch diese Tabuisierung werden alle Dopingmittel und deren Nutzer verteufelt, doch das ist zu stark verallgemeinernd. Es ist nur logisch, dass man, um das bestmögliche Resultat zu erzielen, alle Mittel und Möglichkeiten ausnutzt. Wenn dieses Resultat nicht als Vergleich zwischen Sportlern dienen soll oder offen über die Verwendung kommuniziert wird, welche moralischen Gründe sprechen denn gegen die Dopingmittel? Keine, einzig und alleine die persönliche, gefühlsmässige Einstellung, der wir völlig intuitiv folgen, ohne diese zu hinterfragen. Selbstverständlich gilt es noch weitere Auswirkungen zu betrachten. In manchen Fällen treten neben der gewünschten Wirkung gravierende Nebeneffekte auf, was den Konsum solcher Mittel gefährlich macht. Beispielsweise verursacht Anabolika bei Männern eine „Verweiblichung“. Bei regelmässigem Konsum kann abnormales Brustwachstum eintreten oder es kommt zu anderen körperlichen Veränderungen. Bei Frauen kann die Einnahme zu Bartwachstum und Glatzenbildung führen. Doch mithilfe ärztlicher Beratung kann man die Nebenwirkungen in Grenzen halten und sich den Gefahren bewusst werden. Doch in vielerlei Fällen kommt es nicht zu diesem klärenden Gespräch. Das Image des Dopings ist zwanghaft mit Betrug und Skandal verbunden, sodass offene Gespräche nur schwer möglich sind und alle positiven Eigenschaften in Vergessenheit geraten. Doch mit Hilfe von Dopingmittel werden unsere natürlichen Fähigkeiten verbessert und unser Körper wird leistungsfähiger. Der Wirkungsbereich ist so vielfältig wie die Anwendungsbereiche, in denen auf solche Mittel zurückgegriffen wird. Also sollte man sich immer fragen: Was ist mein Ziel, dass ich durch Einnahme von Dopingmittel erreichen will? Wo bekomme ich einen unfairen Vorteil gegenüber meinen Kontrahenten und wo erziele ich das bestmögliche Resultat ohne jemanden zu benachteiligen?

 

  • Philippe Kramer

    Chefredaktor

    Ich bin Schüler am Gymnasium Leonhard und bin seit dem Sommer 2017 Chefredakteur bei Quint. In meiner Freizeit interessiere ich mich für Fotografie und Bildbearbeitung. Doch in keinem Lebensbereich darf die Leidenschaft für gute Diskussionen zu kurz kommen.

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